Analyse

Das Wichtigste in Kürze

Die Aussagen beruhen auf einer Aggregatsdatenanalyse der Zürcher Gemeinderesultate.

  • Initiative «Grüne Wirtschaft» (IGW): Das Abstimmungsverhalten war vor allem ideologisch geprägt, hoch war die Zustimmung in Gemeinden, die einen starken Staat befürworten, tief in solchen, die Marktlösungen den Vorzug geben. In progressiven Gemeinden war die Zustimmung höher als in konservativen, doch ist die Polarisierung entlang dieser Achse geringer (Grafik 1, 2). Linkswähler (SP, Grüne) dürften der Vorlage überdurchschnittlich zugestimmt haben, für die Wähler der SVP und FDP gilt das umgekehrte (Grafik 3). Soziale Faktoren spielten keine Rolle (Grafik 4).
  • AHVplus-Initiative: Wie zu erwarten, war die Zustimmung zur Initiative bei den Befürwortern eines starken Staates höher als bei den Vertretern marktwirtschaftlicher Lösungen – die ökonomische Achse hatte so eine gewisse Bedeutung (Grafik 1, 2). Es gibt aber Indizien für eine relativ grosse Bedeutung des sozialen Kontexts (Grafik 4): Statustiefe Gemeinden mit einer weniger wohlhabenden Bevölkerung haben der Vorlage eher zugestimmt als statushohe, reiche. Auch in den städtischen Gebieten war die Zustimmung grösser als auf dem Land (Grafik 4). Über die genauen Gründe dafür kann eine Aggregatsdatenanalyse auf Gemeindeebene aber keine sicheren Aussagen machen. Befragungen sind dafür das geeignete Instrument. 
  • Nachrichtendienstgesetz (NDG): Die Zustimmung zum Nachrichtendienstgesetz zeigt ausschliesslich mit dem Markt-Staat Gegensatz Zusammenhänge (Grafik 1, 2). In den marktaffinen Gemeinden war die Zustimmung (noch) höher als in jenen, die in der Regel mehr Staat befürworten. Auf den ersten Blick erscheint dies merkwürdig - und macht nicht zuletzt deutlich, dass der hohe Abstraktionsgrad der Achsenbeschriftung zwar die allermeisten, aber nicht alle Fälle abzudecken vermag. Dem Markt-Staat-Achse entspricht aber auf Parteienebene der Gegensatz zwischen den Linksparteien (SP, Grüne) und der FDP (Grafik 3). Und wenn es einen Punkt gibt, in dem die Linkswählerschaft staatsskeptisch ist (Stichwort Fichenaffäre) und jene der FDP das Gegenteil, so ist dies wohl die (Staats-)sicherheitsfrage.
  • Kantonale Initiative «Bezahlbare Kinderbetreuung»: Das ideologische Muster ähnelte jenem der IGW, allerdings war die Bedeutung der beiden ideologischen Faktoren ausgeglichener (Grafik 1, 2). Zusätzlich zeigt sich ein relativ ausgeprägter soziodemografischer Stadt-Land-Graben, der wohl auch die unterschiedliche Betroffenheit spiegelt (Grafik 4). Denn in ländlichen Gebieten herrschen eher traditionelle Familienstrukturen vor, während die Bevölkerung in den Städten vermehrt Fremdbetreuung in Anspruch nimmt. 

Ideologische und soziale Polarisierungsstrukturen der Vorlagen – vier Grafiken

Vertiefte grundsätzliche Informationen zur Motivation, Datenbasis und den methodischen Grundlagen der folgenden grafischen Darstellungen vermittelt statistik.info 04/2016.   

Grafik 1 zeigt die Zustimmung zu den vier Vorlagen in der politischen Landkarte des Kantons Zürich. Sie ermöglicht eine Einordnung des Abstimmungsverhaltens bezüglich der ideologischen Grundeinstellungen der Bevölkerung. Einerseits lassen sich konservative Gemeinden von progressiven unterscheiden (vertikale Achse), andererseits eher staats- von eher marktfreundlich gesinnten (horizontale Achse). Die Grafik ist auch interaktiv verfügbar.

Grafik 1: Die Zustimmung zu den Abstimmungsvorlagen in der politischen Landkarte des Kantons Zürich   

Grafik 2 fasst das Muster in Grafik 1 mittels zweier Indikatoren zusammen. Die Richtung und Stärke des Zusammenhangs der Zustimmung zu einer Vorlage mit den beiden Achsen ist daraus auf einen Blick ersichtlich und mit anderen Vorlagen vergleichbar. Dargestellt sind alle eidgenössischen und kantonalen Vorlagen der laufenden Dekade.

War die Zustimmung in den konservativen Gemeinden hoch, so befindet sich die Vorlage oberhalb der Mitte, war sie in den progressiven hoch, unterhalb. Analoges gilt auch für die horizontale Markt-Staat-Achse. Je weiter eine Vorlage vom Mittelpunkt entfernt ist, desto stärker waren die Gemeinderesultate durch die ideologischen Grundhaltungen geprägt. Eine interaktive Version findet sich hier. Als Faustregel gilt: Ist eine Vorlage ausserhalb des grau hinterlegten Bereichs in der Mitte verortet, kann von einem relevanten Effekt zumindest einer Dimension ausgegangen werden.

Grafik 2: Ideologische Polarisierungstruktur der Abstimmungsvorlagen im Kontext

In Grafik 3 ist der Bezug zu den Parteiwähleranteilen hergestellt, die in der gleichen Weise «verortet» werden wie die Abstimmungen. Im Prinzip gilt: Je näher eine Vorlage bei einer Parteibezeichnung, desto stärker ist der (positive) Zusammenhang des Ja-Stimmenanteils mit dem entsprechenden Wähleranteil.

Grafik 3: Parteien und Polarisierungsmuster  

Grafik 4 kann analog gelesen werden wie Grafik 2, nur ist hier die sozialräumliche Polarisierung erkennbar. Vorlagen oberhalb der Mitte fanden in ländlich-traditionellen Gemeinden vergleichsweise hohe Zustimmung, solche unterhalb eher in den Städten, solche links der Mitte in den statustiefen («armen») Gemeinden, rechts der Mitte in den statushohen («reichen»). Je weiter vom Mittelpunkt entfernt, desto stärker war der Zusammenhang – und desto sicherer ist man auch, dass der soziale Kontext das Abstimmungsverhalten beeinflusste. Auch hier gilt: Ist eine Vorlage ausserhalb des grau hinterlegten Bereichs in der Mitte verortet, so kann von einem relevanten Effekt zumindest einer Dimension ausgegangen werden. 

Grafik 4: Soziodemografische Polarisierungsstruktur der Abstimmungsvorlagen vom 25.9.2016 im Kontext    

politische Landkarte interaktiv

Ideologische und soziale Polarisierungstrukturen interaktiv

Diverse Analysen zum Bereich Politik finden Sie auf der Website des Statistischen Amtes.